Trainingsbeschreibung vom Mittwoch, den 24. Jan. 2018

Es gibt gute Trainingsabende mit viel Lernwert. Es gibt gute Trainingsabende mit dem Gefühl, eine neue Ebene erreicht zu haben und es gibt perfekte Trainingsabende, die uns daran erinnern, dass Techniken nur eine Form darstellen, die wir füllen sollen. Wir füllen sie mit uns selbst und unserem Vermögen, unser Gegenüber zu erkennen. Alles stimmt, alles fügt sich, alles spielt uns perfekt in die Hände.

Kniend begrüßten wir unseren Lehrer, konzentrierten uns am Anfang auf uns selbst, suchten die Ruhe und fanden Stille, wenn es uns möglich war, den Tag hinter uns zu lassen. Es war ein Abschließen, ein Binden einer Schleife, die den Arbeitstag beendete und der freien Zeit des Vergnügens Raum bot. Denn es war ein inneres Wohlbehagen und Freude, die Aikido den Suchenden bot.

Krieger!

Sammle dich und schwinge

das Schwert des Universums.

Leuchte hell und

enthülle es der Welt.[1]

Mit dieser Erwartung im Sinn begann ein Aufwärmen, das nicht immer einfach war, da der Körper die geschmeidigen Bewegungen erst wieder neu entdecken musste. Der Tag gefüllt mit Arbeit und Verpflichtungen ließ so manchen verkrampfen und steif werden. So war es im ersten Moment ein Aufraffen, doch dann ein Genuss, da der Körper seine eigentliche Geschmeidigkeit wieder fand. Jedes Rollen, jedes schnelle Bewegen schien uns selbst immer wieder zu bestätigen, dass der Zahn der Zeit keinen Fuß fassen konnte.

Nirgends eine Schwäche –

erhellt die Welt und

macht den Weg des Schwertes

in Körper und Seele

aller Menschen offenbar![2]

Dann begann das spielerische Lernen mit langsamen Bewegungen. Das Schnelle würde von ganz allein kommen. Es würde sich einschleichen, doch erst einmal ging es um Präzision, es ging um das Vergnügen des Moments, um das Feststellen der Dinge, die durch meine eigene Handlung beim Trainingspartner eine Wirkung besaßen. War ich mit all meinem Sein auf mein Gegenüber ausgerichtet oder sandte ich meine Energie irgendwo in den Orbit, um schließlich an mir selbst verzweifelnd den Fehler zu suchen? Glücklich kann sich derjenige schätzen, der mit einem Lehrer zusammenarbeitet, der die Übenden im Blick hat und nicht müde wird, so lange zu korrigieren, bis das Bestmöglichste an den Tag gebracht wird. Glücklich kann sich derjenige schätzen, der mit einem Trainingspartner gemeinsam die Aufgabe meistert und von diesem auf die eigenen Möglichkeiten hingewiesen wird, die Anfänger wie auch Fortgeschrittene herausfordern.

Pflege und verfeinere

den Geist des Kriegers

durch den Dienst an der Welt;

erhelle den Weg

gemäß dem göttlichen Willen.[3]

Haben sich die neuen Erkenntnisse verfestigt, so bleibt noch das Wunderschöne. Das Langsame hat seinen Dienst getan, nun sucht das Schnelle seinen Weg und wird ihn finden. Jeder Lernende strebt nach einer Ausübung des Gelernten. Es ist förmlich das Finale, das den Abend perfekt werden lässt. Es ist ein Hineinwerfen in das Leben, das uns jeden Tag geboten wird und wir so selten wirklich aufgreifen. Doch hier ist Zeit und Raum dafür, hier bietet sich die Möglichkeit, wieder ganz Kind zu sein, das ohne Harm sich einfach seiner Selbst erfreut, wenn es spielt.

So ist es im Training ein Gegenüberstehen mit Erwartung – mit einem Lächeln im Gesicht, als stünden wir uns auf dem Schulhof gegenüber und würden uns über das energievolle Miteinander freuen. Dann ist es ein Lostürmen mit einem freudigen Lächeln, um die aufgestauten Energien dem Gegenüber entgegen zu werfen. Es ist ein gegenseitiges Geschenk des Moments. Es ist das Erleben des Lebens, das uns geschenkt wird, denn wir sind in einem Miteinander, das nur zwei genussvoll Kämpfende sehen. Energie ballt sich und wird hin und her geworfen, um in einem Miteinander zu sein, das den absoluten Genuss offenbart.

Tief und geheimnisvoll ist

der großartige

Weg des Schwertes –

pflanze sein Feuer und sein Licht

in dein Herz.[4]

Aikido zelebriert Leben.

 

Christine F. Behrens

 

_______
[1] Morihei Ueshiba, Budo, Das Lehrbuch des Gründers des Aikido, Heidelberg, 1997, S. 35.
[2] Morihei Ueshiba, Budo, Das Lehrbuch des Gründers des Aikido, Heidelberg, 1997, S. 34.
[3] Morihei Ueshiba, Budo, Das Lehrbuch des Gründers des Aikido, Heidelberg, 1997, S. 33.
Anm: „göttlich“ bezieht sich nicht auf etwas Übernatürliches, sondern auf alles, was Ehrfurcht erweckt und Tugend, Reinheit und Schönheit offenbart.
[4] Morihei Ueshiba, Budo, Das Lehrbuch des Gründers des Aikido, Heidelberg, 1997, S. 33.
Dieser Beitrag wurde unter Aikido-Gedanken abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.